Corina Burri hat BWL studiert, Marketing-Schwerpunkte gelegt und eine klassische Kommunikationskarriere eingeschlagen. Heute ist sie eine SEO/GEO-Expertin, selbstständige Unternehmerin und eine Stimme für mehr Frauen in der Tech-Branche. „Meine Uni-Abschlüsse hat niemand angeschaut», sagt sie ganz direkt, als wir über ihren Werdegang sprechen. „Ich habe meinen ersten Job bekommen, bevor ich das Bachelordiplom hatte.»
Ihre Geschichte ist ein Plädoyer gegen die Angst vor dem „Nicht-Genug-Sein» und ein Beweis dafür, dass in der Tech-Welt oft die Tatkraft wichtiger ist als das Diplom.
Vom Marketing zur Schweizer Tech-Expertin
Der Weg in die Tech-Welt war für Corina Burri ein schrittweises „Hineinwachsen». Nach ihrer KV-Lehre und einem Bachelor in Betriebswirtschaft arbeitete sie jahrelang im Marketing. Dabei kam sie zwangsläufig mit der digitalen Transformation in Berührung: Sie leitete Website-Relaunches, implementierte ERP-Schnittstellen und entwickelte Content-Strategien von der ersten Idee bis zur Umsetzung. „Ich war schon immer digital versiert», erinnert sie sich. „Aber ich habe vor allem keine Angst, etwas Neues zu lernen.»
Für ihren Master in Brand Management zog Corina Burri nach Barcelona. Da die lokalen Löhne reichten, um ihren Lebensstandard zu halten, startete sie als Freelancerin. Sie merkte schnell, dass SEO-Texte besser bezahlt wurden als traditionelle Texte. Schnell stellte sich heraus, dass dieser Job weit mehr war als Texten: Es ging um Technik. „Ich habe gemerkt, dass SEO sehr technisch ist», sagt Corina. „Ich musste verstehen, wie Google funktioniert, wie man Daten analysiert und den Content optimiert.»
«Man muss sehr viel selber lernen, autonom. Neugier ist super wichtig.»
In ihrer nächsten Rolle als Marketingleitung entwickelte sie neue Content-Formate, führte User-Interviews durch und setzte „Programmatic SEO» ein, um Landingpages zu skalieren. Sie baute Backlink-Strategien auf und testete mit A/B-Tests, ob Video oder Text besser konvertieren. Später, als Team Lead bei der Credit Suisse, führte sie technische Audits durch, um die Sichtbarkeit der Seite zu verbessern, und baute Dashboards, um den Erfolg messbar zu machen.
Heute ist sie Unternehmerin, Speakerin und Expertin für SEO und GEO (Generative Engine Optimization). „Ich bin in die Tech-Welt reingerutscht und habe das meiste ‚on the job‘ gelernt», resümiert sie. Es gab keine universitäre Ausbildung für genau diesen Mix aus Content und Technik. „Man muss sehr viel selber lernen, autonom. Ich denke, Neugier ist super wichtig.»
Braucht man einen Uni-Abschluss für eine Tech-Karriere? Ein Erfahrungsbericht
Doch die Hürde, die viele Frauen – und Corina Burri selbst – erst einmal überwinden müssen, ist die innere Überzeugung, man bräuchte einen Titel, um überhaupt berechtigt zu sein, den Beruf auszuüben. „Ich denke, was mir geholfen hat, ist, mich zu verabschieden von der Idee, dass man etwas studieren muss und dann kann man den Beruf zuerst machen», sagt sie.
«Ich habe mich verabschiedet von der Idee, dass man etwas studieren muss, um einen Beruf auszuüben.»
Der Blick zurück bestätigt: Die Papiere spielten kaum eine Rolle. „Das einzige Mal, wo ich meinen Abschluss brauchte, war für den Corporate Job», erinnert sie sich. „Und das, was ich im Studium gelernt habe, konnte ich wenig anwenden in meinem Berufsleben.» Was ihr wirklich half? Nicht die komplexen Berechnungen aus dem BWL-Studium, sondern die praktischen Skills aus ihrer KV-Lehre: Excel-Formeln, Pivot-Tabellen und Conditional Formatting.
Personal Branding auf LinkedIn: Sichtbarkeit als Türöffner
Wie also kam Corina an ihre Projekte? Durch Mut zur Sichtbarkeit. Sie rät anderen, nicht auf den perfekten Abschluss zu warten, sondern einfach zu beginnen. „Wenn man jetzt noch keine Berufserfahrung hat, einfach ein Hobbyprojekt machen. Und dann die Learnings auf einem Blog oder auf Social Media teilen.»
Besonders wichtig ist ihr der Punkt der Sichtbarkeit auf LinkedIn. „Das Impostor-Syndrom überspringen und anfangen zu posten, auch wenn es vielleicht jemanden sieht, wo man nachher denkt: ‚Was denkt die Person von mir?’» Ihre Erfahrung? „Das ist vielleicht eine Person, aber alle anderen denken: ‚Ah, cool, gute Insights.‘ Auch wenn es irgendein Basic Learning ist, es gibt sicher jemanden, der es hilft.»
«Fange an auf LinkedIn zu posten, auch wenn du dir Sorgen machst, was andere davon denken.»
„Vibe-Coding»: Mit KI Tools Websites entwickeln ohne Programmierkenntnisse
Heute arbeitet Corina Burri nicht nur mit Content, sondern baut selbst Tools. Sie spricht von „Vibe-Coding» – einem Ansatz, bei dem sie ihre Ideen mit Hilfe von KI umsetzt, ohne jedes Detail der Programmiersprache zu beherrschen. Ein Highlight war ihre Präsentation auf dem Google Search Central Live Event: Ein kleines Tool, das sie mit Hilfe von KI gebaut hat, um zu überwachen, ob wichtige Seiten aus dem Google-Index fallen. „Ich habe mit KI hin und her geschrieben und dann ein kleines Tool gebaut», erzählt sie. „Es ist ein bisschen scary, um ehrlich zu sein. Wenn ich ein Python-Skript mache, verstehe ich nicht jede Linie. Dann mache ich es mal und hoffe, es klappt.»
Doch genau das sei der Normalzustand in der Tech-Branche: „Man lernt immer wieder etwas Neues, wenn man nie das Gefühl hat, jetzt kann ich es‘.»
Die Zukunft: Das „Agentic Web»
Corina blickt weit über das klassische „Suchmaschinen-Optimieren» hinaus und beschreibt eine fundamentale Veränderung im Internet: das „Agentic Web». Während wir Menschen Webseiten besuchen, um Informationen zu lesen oder Aktionen auszuführen, denkt sie, dass das Web der Zukunft zunehmend von KI-Agenten genutzt wird.
„Heute schon werden Webseiten nicht mehr nur von Menschen bedient, sondern von KI-Agenten», erklärt Corina. „Diese virtuellen Assistenten gehen aktiv auf die Webseite, analysieren den Inhalt und führen spezifische Aktionen aus. Zum Beispiel füllen sie Kontaktformulare aus, buchen Termine oder kaufen Produkte, ohne dass ein Mensch akttiv auf der Seite sein muss.»
Das hat massive Konsequenzen für die Webentwicklung. Der Code muss so strukturiert und aufbereitet sein, dass KI-Agenten die Absicht der Seite sofort erkennen und die gewünschten Aktionen ausführen können. „Da muss man die Webseite, also den Code, so gut aufbereiten, dass die Web-Agents das ausführen können», so Corina. „Es geht darum, dem Bot zu servieren, was er braucht, damit er seine Aufgabe erledigen kann.»
Corina nutzt diese Technologie bereits heute in ihrer Arbeit. „Wenn ich ein Audit mache, dann geht ein Agent und schaut zum Beispiel, ob eine spezifische Seite überhaupt auf Google ist», berichtet sie. „Früher habe ich das manuell gemacht, indem ich bei Google gesucht habe. Jetzt gibt der Agent den Befehl ein und liefert mir sofort das Ergebnis.»
Dieser Wandel bedeutet auch eine neue Art der „Sichtbarkeit». Es geht nicht mehr nur darum, für Menschen gefunden zu werden, sondern darum, für die Maschinen verständlich und zugänglich zu sein.
Quereinsteigerin in die Tech-Branche: 3 Ratschläge
Am Ende des Gesprächs bleibt eine klare Botschaft stehen. Corina Burri ist ein Vorbild, weil sie gewagt hat, zu lernen. „Ich habe meine Jobs nicht wegen meiner Abschlüsse bekommen, sondern weil ich mich bewiesen habe», sagt sie.
Ihr Rat an alle Frauen, die zögern: „Sich selbst initiieren, selber etwas zu lernen und das auch zu zeigen. Auch sich Sichtbarkeit aufzubauen. Das war für mich ein Türöffner für viele Projekte.»
In einer Welt, die oft nach Titeln fragt, ist Corinas Botschaft klar: Zeige was du kannst. Der Rest folgt.
Über Corina Burri
Corina Burri ist selbständige Beraterin für SEO und GEO, und hilft Unternehmen dabei ihre Sichtbarkeit zu maximieren.
Als Speakerin teilte sie ihre Erkenntnisse auf internationalen Events und diente als Jurorin bei den Global Digital Excellence Awards.
Als Mitorganisatorin von SEOnerd-Switzerland organisiert sie Veranstaltungen zum Thema SEO und unterstützt Referentinnen durch Coaching.

Das Interview führte Corina Schedler im Rahmen der Initiative zur Gleichstellung in der Informatikausbildung, die vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) unterstützt wird.
