Warum First-Gen-Lebensläufe in Tech punkten– Claudia Bruce-Quartey

Viele First-Gen Professionals – die Ersten in ihrer Familie mit akademischer oder professioneller Laufbahn – kennen das Gefühl: Mein Weg ist nicht „richtig“ genug. Claudia Bruce-Quarteys Geschichte beweist, dass genau diese vermeintlichen Nachteile in der Tech-Welt zu Stärken werden können.

Ihr Werdegang liest sich nicht wie ein klassischer Tech-Lebenslauf: Politikwissenschaftlerin, dann Stationen in Business Development und Vertrieb bei Cisco, Salesforce und Red Hat. Keine Informatik-Ausbildung, keine klassischen Tech-Praktika. Doch genau diese ungewöhnliche Kombination machte sie zur gefragten Expertin.

«Ich hatte keine Mentoren, keine Rollenbilder – nur den Willen, mich durchzusetzen. Tech ist nicht nur für Informatiker:innen. Es braucht Strategie, Kommunikation und Leidenschaft – und die kann jede:r mitbringen.»

Von der Politikwissenschaft zur Tech-Branche: Warum Umwege Stärke sind

Claudias Weg begann mit einem Traum: Sie wollte in internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union arbeiten, um Ghana und die afrikanische Gemeinschaft voranzubringen. Doch nach ihrem Master in Frankreich merkte sie schnell, dass die Realität anders aussah. Die Jobs waren oft kurzfristig, schlecht bezahlt oder passten nicht zu ihren Visionen. „Ich hatte einen Master-Abschluss und kämpfte trotzdem damit, einen langfristigen Job zu finden, in dem ich mich entfalten konnte.“

Die Wende kam 2015, als sie in einer Einstiegsposition im Vertrieb landete – weit entfernt von ihrer ursprünglichen Vision. „Das kann nicht alles sein. Es muss einen besseren Weg geben“, dachte sie. Doch statt aufzugeben, öffnete sie sich für neue Möglichkeiten. Ein Cisco-Programm für Nachwuchskräfte im Vertrieb weckte ihr Interesse: „Plötzlich verstand ich, dass Tech nicht nur aus Programmieren besteht. Es geht um Lösungen, die Unternehmen voranbringen – und dafür braucht es genau meine Skills.“

«Tech ist mehr als Code. Es geht um Problemlösung, Kund:innenverständnis und Innovation. Wenn du diese Skills mitbringst, bist du bereits auf dem besten Weg.»

First-Gen Herausforderungen: Ohne Netzwerk und Vorbilder

Als First-Gen Professional hatte Claudia kein etabliertes Netzwerk in der Tech-Branche. „In meiner Familie oder meinem Umfeld gab es niemanden, der in der IT oder im Vertrieb arbeitete. Ich musste alles allein herausfinden.“ Doch statt sich davon entmutigen zu lassen, nutzte sie ihre Anpassungsfähigkeit und ihren Willen, dazuzulernen.

In der Tech-Welt merkte sie schnell: Es ging nicht nur um Fachwissen. „Am Anfang dachte ich, wenn ich nur genug lerne, wird alles einfacher. Doch dann wurde mir klar: Es geht auch darum, wer ich bin – eine Frau, eine Schwarze Mutter in einer von Männern dominierten Branche.“ Sie lernte, sich durchzusetzen, für sich selbst einzustehen und ihre Erfolge sichtbar zu machen – etwas, das viele First-Gen Professionals erst spät lernen.

Mutterschaft als Antrieb: „Ich konnte nicht aufgeben“

Als junge Mutter in der Schweiz stand Claudia vor einer weiteren Herausforderung: Wie vereine ich Karriere und Familie in einer Branche, die oft noch wenig familienfreundlich ist? „Die ersten sechs Monate waren hart. Ich zweifelte, ob die Entscheidung, nach Schweiz zu ziehen, richtig war.“ Doch sie gab nicht auf. Stattdessen nutzte sie ihre Erfahrungen, um andere Frauen zu bestärken – als Co-Founder des Iconic Women Circle und als #IamRemarkable-Facilitator für Google.

«Mutterschaft ist keine Pause im Lebenslauf. Sie lehrt uns Multitasking, Resilienz und Priorisierung. Genau das braucht die Tech-Branche.»

First-Gen Professional? Deine einzigartige Geschichte ist genau das, was Tech braucht!

Claudia Bruce-Quarteys Geschichte zeigt, warum First-Gen Professionals in der Tech-Welt nicht nur willkommen, sondern unverzichtbar sind. Sie bringen genau das mit, was die Branche braucht: Frische Perspektiven, weil sie andere Erfahrungen haben, Anpassungsfähigkeit, weil sie gelernt haben, sich in neuen Umfeldern zurechtzufinden, und Problemlösungsfähigkeit, weil sie wissen, wie man mit begrenzten Ressourcen umgehen kann. Ihr strategisches Denken aus dem Politikstudium, ihr Verhandlungsgeschick aus dem Vertrieb und ihre Sprachenvielfalt (Deutsch, Englisch, Französisch, Twi, Ga) waren genau die Skills, die sie in der Tech-Welt unersetzlich machten.

Doch Claudia hat auch gelernt, dass Selbstfürsprache entscheidend ist – besonders für First-Gen Professionals und unterrepräsentierte Gruppen. „Viele Frauen arbeiten hart, in der Annahme, dass jemand ihre Leistungen schon sehen wird. Doch die Realität ist: Wenn du dich nicht selbst sichtbar machst, wirst du übergangen.“ Ihr Rat ist klar: Schreibe deine Erfolge auf – nimm dir jede Woche 20 Minuten, um 10 Dinge aufzuschreiben, die du gut gemacht hast. Sprich über deine Leistungen – setze regelmässige Gespräche mit deinem Vorgesetzten an und zeige, was du erreicht hast. Und vor allem: Baue ein Netzwerk auf. „Dein professionelles Netzwerk ist deine Währung für neue Chancen.“

„Mut ist so wichtig, weil wir oft ohne Selbstvertrauen handeln müssen. Wenn du den Mut hast, den Sprung zu wagen, kannst du mehr erreichen, als du denkst.“

Dein „chaotischer“ Weg ist deine Superkraft

Claudias Geschichte ist ein Beweis dafür, dass First-Gen Professionals mit ihren ungewöhnlichen Wegen genau das mitbringen, was die Tech-Welt braucht. Ob als Mutter, Quereinsteigerin oder Career Strategist: Ihre vermeintlichen „Detours“ haben sie zu der gemacht, die sie heute ist. „Ich habe gelernt, dass ich einen inneren Wert habe – und dieser Wert ist Wachstum. Egal in welcher Branche, ich finde Wege, mich weiterzuentwickeln.“

Wenn du denkst, dein Weg sei „zu ungerade“ für Tech, dann denk nochmal nach. Vielleicht sind genau diese Umwege dein grösster Vorteil.


Dieser Artikel ist Teil des Projektes Gleichstellung in der Informatik-Ausbildung, unterstützt durch das EBG.