Cristina Bucher im Gespräch mit ALPHA

Wir freuen uns, dass 42 Zürich im ALPHA-Stellenanzeiger vorgestellt wird – und noch mehr, dass Cristina Bucher in diesem Artikel ihre Vision für eine neue, inklusive und praxisnahe IT-Ausbildung teilt.


Regeln ändern, Türen öffnen: Warum 42 Zürich keine typische Techausbildung ist.

Diese Schule ist Tag und Nacht geöffnet. Sie hat keine Lehrpersonen, keine Lehrmittel und auch keinen Lehrbetrieb. In der lnformatikschule 42 Zürich, die 2026 startet, lernen die Studierenden entlang von Pro­jekten und im Austausch mit den Peers. Teilnehmen können alle, die das Aufnahmeverfahren bestehen.

lnterview: Daniel Fleischmann

Cristina Bucher, Sie bauen die Informatikschule 42 Zürich auf. Was ist das für eine Schule?

42 Zürich bietet eine neue Form der IT-Ausbildung an. Bei uns gibt es keinen klassischen Lehrbetrieb oder fixe Öffnungszeiten. Die Studierenden lernen stattdessen entlang von vorgegebenen Projekten eigenverantwortlich und in ihrem Tempo. Ein zweites Merkmal: 42 Zürich ist für alle Personen über 18 zugänglich und gebührenfrei – also unab­hängig vom bisherigen Bildungsweg oder den finan­ziellen Möglichkeiten. Damit öffnen wir Türen für viele Talente, die sonst übersehen werden.

Bei 42 Zürich lernen die Studierenden entlang von vorgegebenen Projekten eigenverantwortlich und in ihrem Tempo.

Gratis? Wer finanziert die Schule dann?

Das Modell wird von gemeinnützigen Stiftungen, Unternehmen und einzelnen öffentlichen Institu­tionen finanziert. Mit dabei sind zum Beispiel die Stiftungen Hasler, Asuera und Ernst Göhner oder das eidgenössische Büro für Gleichstellung. Sie investieren, weil sie wissen, dass es wichtig ist, IT-Talente zu fördern.

Laut Prognosen fehlen in acht Jahren über 50’000 ICT-Fachkräfte.

Ihr Budget beträgt 1,3 Millionen Franken pro Jahr. Wie haben Sie die Geldgeber überzeugen können?

42 Zürich ist Teil einer weltweiten Bewegung, die 2013 in Paris ihren Anfang nahm. Heute existieren in 32 Ländern 56 Campi, mit grossem Erfolg. Besonders interessant für uns ist 42 Lausanne, das seit 2021 existiert und heute über 800 Studie­rende ausbildet. Die Lausanner unterstützen uns mit ihren Erfahrungen.

Müssen Personen, die sich für das Studium interessieren, schon Informatik-Kenntnisse ha­ben?

Nein. In Lausanne kommen nur 13 % der Studieren­den aus der IT. Zentral sind eine hohe Motiva­tion und logisches Denken. Auch Vorbildungen werden nicht erwartet: In Lausanne haben 17 % der Studierenden die Volksschule absolviert, etwa jede dritte Person besitzt keine Hochschul­berechtigung. Auch 42 Zürich wird für Personen offen sein, die klassischen Pfade nicht nutzen können oder wollen: Menschen, die sich beruflich neu orien­tieren, vielleicht keinen formalen Abschluss besitzen oder – weil sie daneben arbeiten oder Familie haben – auf flexible Lernzeiten angewiesen sind. Wir verste­hen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den vorhandenen Bildungsangeboten.

42 Zürich ist für alle Personen über 18 zugänglich und gebührenfrei.

Nehmen das auch die etablierten Bildungs­anbieter so wahr?

Ich glaube schon. Wir sind in Kontakt mit vielen Partnern – ETH, ZHAW, Uni St. Gallen oder die Fernfachhochschule Schweiz. Wir sind interessiert am Austausch, im Rahmen von Mentoringpro­grammen etwa oder gemeinsamen Veranstaltun­gen. Wir sind auch Mitglied von ICT Zürich und Gründungsmitglied der Allianz für digitale Inklusion (ADIS).

Wie kann man sich bei 42 Zürich bewerben?

Bewerbungen sind ab Frühling 2026 möglich, aber schon heute kann man einen Newsletter abonnieren und sich auf die Warteliste setzen lassen.

Interessierte Personen absolvieren zunächst einen Online-Test zur Merkfähigkeit und Logik. Wer ihn besteht, wird in ein vierwöchiges Camp eingeladen, in der die Teilnehmenden eine Reihe von Projekten bewältigen müssen. Die Selektion ist hart; letztlich werden nur Personen ausgewählt. die sich wirklich für die Ausbildung eignen. Für die erste Kohorte, die im Herbst starten wird, pla­nen wir rund 150 Studienplätze.

Wie ist das Studium aufgebaut?

Das Grundstudium dauert ein bis zwei Jahre und enthält neben der Lernphase ein sechsmonatiges Praktikum. Es vermittelt Kompetenzen in zentralen Bereichen der Informatik. Dazu gehören Program­miergrundlagen in C, Algorithmen und Daten­strukturen, objektorientierte Softwareentwick­lung mit Python, System- und Netzwerkpro­grammierung, moderne Webtechnologien, System­administration sowie praxisorientierte Ansätze der künstlichen Intelligenz. Das Lernen findet ausschliesslich projektbasiert und im Team statt. Nach Abschluss dieser breiten Basisausbildung haben die Studierenden die Möglichkeit, sich zu spezialisieren – etwa in Feldern wie Cybersecurity; mobilen Anwendungen oder fortgeschrittener Kl.

Wie muss ich mir das projektbasierte Lernen vorstellen?

Die Studierenden lösen international vorgegebene Quests (Aufgaben), deren Level zunehmend steigt. Den Quellcode dieser Arbeit laden sie im System hoch; das Ergebnis wird dann mit anderen Studierenden diskutiert und bewertet. Wir nennen das Peer-to-Peer-Learning. Es ersetzt die Rolle von Lehrpersonen und Lehrmitteln und stärkt die Fähig­keit, Feedback zu geben und anzunehmen. Im Rahmen von Prüfungen kontrolliert das Leiter­team zudem, ob die Ergebnisse eigenständig entwi­ckelt worden sind. Wer betrügt, betrügt aber ohne­hin nur sich selber. Diplome spielen bei uns keine Rolle; am Ende des Grundstudiums erhält man ein Zertifikat, das für ein Weiterstudium in 42-Campi weltweit berechtigt.

Und das Praktikum?

Hier erhalten die Studierenden Einblick in die kon­krete Berufsrealität und werden entlöhnt. Wir bauen derzeit ein Netzwerk von interessierten Firmen auf. Diese finanzieren die Schule mit und geben Impulse für die Spezialisierung.

Die Projekte für diese Phase können die Campi von 42 selber organisieren, sie orientieren sich eng an den Bedürf­nissen der Branche. Zudem bieten wir gewisse Ausbildungsteile kostenpflichtig Personen oder Firmen ausserhalb des Campus an. Ebenso kann man sich bei uns für den eidg. Fachausweis ICT­ Application Development Specialist vorbereiten.

Können Sie etwas über den Erfolg der Personen sagen, die 42 Lausanne absolviert haben?

Mehr als 60 % der Studierenden werden nach dem Praktikum direkt weiterbeschäftigt. Andere Absol­vierende machen sich selbstständig: Start-ups wie Voltaire (AI-Text-Assistant) oder SyncAl (AI-Prozessoptimierung für KMU) wurden von ehemaligen Studierenden von 42 Lausanne gegrün­det. 42 ermöglicht nicht nur einen direkten Einstieg ins Berufsleben, sondern fördert auch Unterneh­mergeist und Innovation. Die Abbruchquote der Personen, die ein Studium gestartet haben, be­trägt 23 %; das bewegt sich im Rahmen der Hoch­schulen.

Mehr als 60 % der Studierenden werden nach dem Praktikum direkt weiterbeschäftigt.

42 Zürich startet 2026. Newsletter abonnieren, auf Warteliste setzen lassen
Buch über 42 Lausanne: https://421ausanne.ch/livre/
Fachbericht über 42 Lausanne: https://bitly/44oTp9w 

Das Interview erschien dieses Wochenende (20./21.12.25) in «Alpha» (Tages-Anzeiger, SonntagsZeitung) sowie «Stellenanzeiger» (Der Bund, Berner Zeitung Gesamt, Langenthaler Tagblatt, Thuner Tagblatt, Berner Oberländer, Bieler Tagblatt).