Ein Gespräch darüber, wie SEO die Kluft zwischen menschlicher Sprache und Daten überbrückt und warum die Tech-Branche für alle da ist – für Linguisten, Soziologen und alle, die Pioniere im Bereich der KI werden wollen.
Isaline Muelhauser studierte Sprach- und Literaturwissenschaften und schloss anschliessend mit einem Master in Kommunikation und PR ab. «Ich finde es faszinierend, wie Sprache unsere Sicht auf die Welt prägt», erklärt sie. «Wie sich das Schweizerdeutsch vom Französischen unterscheidet oder wie sich das Schweizer- oder Kanadisch-Französische auf seine eigene Weise weiterentwickelt. In der französischsprachigen Schweiz zeigt der Linguist Mathieu Avanzi, wie tolerant unsere Sprache gegenüber regionalen Variationen ist. Dieses Spiel zweigt, wie vielfältig das Schweizer Französisch ist.»
Mein Einstieg in die Tech-Branche erfolgte fast zufällig durch eine Stelle bei einer Webagentur. „Ich arbeitete im Bereich Marketing und Kommunikation. In einer Agentur mit etwa 80 engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern öffnete sich mir eine Tür zu einem völlig neuen Bereich.“
Sie erinnert sich zum Beispiel an ein Gespräch mit ihrem ehemaligen Kollegen Andreas Amsler über das Potenzial anonymisierter Daten. Andreas arbeitete später bei Open Data Zürich. „Solche Gespräche öffneten mir die Tür zu einem ganz neuen Bereich mit neuen Möglichkeiten.“
Mehr als nur Texten
Was genau macht eine Geisteswissenschaftlerin in der Tech-Branche? Isaline Muelhauser ist spezialisiert auf Suchmaschinenoptimierung (SEO), die Optimierung grosser Sprachmodelle (LLMO) und Conversion-Optimierung.
„Man muss anhand von Daten wie Sitzungen und Konversionen aufzeigen, wie nützlich die eigene Arbeit für das Unternehmen ist“, erklärt sie. „Es geht um mehr als nur darum, einen ansprechenden Text zu verfassen. Es geht darum, wie die Menschen mit diesem Text interagieren.“
Isalines Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Datenanalyse und Humanpsychologie:
- Analytics verstehen: Wo klicken die Nutzerinnen? Wo brechen sie ab?
- Überprüfen der Barrierefreiheit und der digitalen Kompetenz: „Wenn ein Nutzer einen ‚Kontakt‘-Button sieht und nicht versteht, dass er darauf klicken muss, dann muss etwas geändert werden.“
- Barrieren abbauen: Ein grosser Teil ihrer Arbeit besteht darin, Texte zugänglich zu machen. „Institutionen lieben die ‚richtigen‘ Fachbegriffe. Aber die ‚richtigen‘ Wörter sind oft nicht diejenigen, die die Menschen im Alltag verwenden. Anhand von SEO-Daten kann ich nachweisen, dass Ihre Zielgruppe Sie versteht, wenn Sie diese Begriffe verwenden.“
Wie Isaline erklärt, geht es bei SEO oder GEO (Generative Engine Optimisation) nicht um ein Spiel mit Keywords, sondern darum, Menschen zu verstehen. So sagt sie beispielsweise: „Die Keyword-Recherche ist wie eine Mindmap der Gedankenwelt, um zu verstehen, was Nutzer:innen beschäftigt. Sie zeigt uns, welche Fragen, Ängste und Interessen Menschen in Bezug auf ein Thema haben. Oft unterscheidet sich dies völlig von den Erwartungen der Fachleute.“
Eine SEO-Keyword-Recherche zeigt uns, welche Fragen, Ängste und Interessen Menschen in Bezug auf ein Thema tatsächlich haben.
Technik ohne Programmierkenntnisse: Die Macht der Sprache
Ein wichtiger Punkt, den Isaline in unserem Gespräch hervorhob, ist die Notwendigkeit, die Branche zu entmystifizieren. „Tech ist nicht gleichbedeutend mit Programmieren, Naturwissenschaften oder Mathematik“, sagt sie. „Man muss nicht programmieren können, um in diesem Bereich zu arbeiten.“
„Man muss nicht programmieren können, um in Tech zu arbeiten.“
Heute beschäftigt sie sich intensiv mit künstlicher Intelligenz und versteht sich als eine Art „KI-Begleiterin“. Sie nutzt Tools wie Replit, um Aufgaben zu automatisieren, ohne selbst Code schreiben zu müssen. „Technologie ist ein Werkzeug. Es kommt auf unsere Absicht an, wenn wir sie nutzen. Was wollen wir damit schaffen?“
Sie verweist auf Bereiche wie die digitale PR, die in Grossbritannien bereits fest etabliert sind, in der Romandie jedoch oft übersehen werden. „Die dafür erforderlichen Fähigkeiten unterscheiden sich grundlegend von denen eines Programmierers oder einer Entwicklerin. Heutzutage brauchen wir im Tech-Bereich Menschen, die denken, überzeugen, sprechen und Konzepte entwickeln können.“
Von SEO bis LLMO: Die Zukunft der Suche
„Wie hat KI deinen Job verändert?“, frage ich. „Viele Leute glauben, SEO sei tot, weil man heute KI einsetzt. Das ist aber nicht der Fall“, erklärt Isaline.
Sie unterscheidet zwei Funktionsweisen von Sprachmodellen:
- Die Datenbank: das Wissen, das bis zu einem bestimmten Stichtag erfasst wurde.
- Live-Suche: Die Bots durchsuchen weiterhin das Internet nach den aktuellsten Themen.
„Deshalb ist die Sichtbarkeit im Internet nach wie vor entscheidend. Wir bezeichnen dies heute als LLMO (Large Language Model Optimisation) oder GEO (Generative Engine Optimisation)“, sagt Isaline. „Die journalistischen Grundsätze bleiben unverändert: die fünf W-Fragen, klare Struktur, präzise Überschriften. Das Wesentliche an gutem Web-Writing hat sich nicht geändert. Texter:innen passen sich der Technik und der Sprache an, die verwendet werden muss, um CEOs zu sprechen, damit diese verstehen, was zu tun ist.“
Die Kluft zwischen Studium und Praxis
Auf die Frage, was getan werden muss, um mehr Frauen für Technik zu begeistern, hat Isaline eine klare Antwort: ein praxisorientierter Ansatz an den Hochschulen.
„Als ich an der Universität war, hätte ich mir gewünscht, zu wissen, welche beruflichen Möglichkeiten es da draussen tatsächlich gibt. In den Geisteswissenschaften geht jeder davon aus, dass man Lehrer:in wird. Mir fehlte die Neugierde für wirtschaftliche Anwendungsbereiche. Dabei ist ‚Geld verdienen‘ kein Schimpfwort; es ist die Realität, die die Mittel für gute Arbeit bereitstellt.“
Ein Rückzugsort für Introvertierte und ruhige Menschen
Was mir persönlich an der Tech-Branche besonders gut gefällt, ist ihr Umgang mit der Unternehmenskultur. „In der Tech-Branche gelten andere Kleidungsvorschriften. Niemand erwartet, dass man im Anzug erscheint. Man kann einfach so kommen, wie man ist – in Bluejeans und einem alten Konferenz-T-Shirt. Und das ist völlig in Ordnung.“
„In der Tech-Branche gelten andere Kleidungsvorschriften. Niemand erwartet, dass man im Anzug erscheint. Man kann so kommen, wie man ist. Und das ist völlig in Ordnung.“
Für introvertierte Menschen oder solche, die nicht ständig „im Rampenlicht“ stehen wollen, bietet die Tech-Branche einen sicheren Hafen. In der Tech-Branche kann man sich als Expertin profilieren, tief in seine Arbeit eintauchen und muss nicht ständig im Rampenlicht stehen. Man kann einfach man selbst sein.“
KI ist ein Werkzeug, wir brauchen erfahrene Pilotinnen
Machen Sie sich Sorgen wegen KI? Isaline sieht das ganz gelassen. „Technologie ist ein Werkzeug. Was zählt, ist unsere Absicht. Ich wünsche mir, dass Menschen mit guten Absichten es einfach mal ausprobieren. Die KI ist bereits da – es ist höchste Zeit, zu lernen, wie man sie nutzt.“
Die Tech-Branche braucht kompetente Menschen mit guten Absichten, die KI-Tools beherrschen.
Isaline Muelhauser
Ihr Rat an alle, die sich unsicher sind: Seid neugierig. „Probiert Sprachmodelle aus (Mistral, Euria, ChatGPT…). Hinterfragt, was sie euch sagen. Überprüft es. Es ist dasselbe kritische Denken, das ihr braucht, um einen Text oder ein Argument zu analysieren. Stellt offene Fragen.“
Finde deine Nische – und werde Teil der Community
Isalines Botschaft ist einfach: „Es gibt für jeden einen Job. Man muss ihn nur finden. Und dafür muss man neugierig sein.“
„Die Tech-Branche braucht keine Menschen, die alle gleich denken. Sie braucht Linguisten und Soziologen. Sie braucht Menschen, die verstehen, wie Sprache funktioniert, was Menschen bewegt und wie man Technologie zielgerichtet einsetzt.“
Isaline Muelhauser
Isaline lebt diesen Grundsatz selbst vor: Sie engagiert sich aktiv in der Tech-Community. Als Mitbegründerin von SEONerd Switzerland organisiert sie regelmässig Veranstaltungen, bei denen jeder willkommen ist. Sie bietet Coaching für angehende Referentinnen an und hat bereits viele inspiriert, darunter Gabi Troxler und Corina Burri, die später als Referentinnen auf renommierten Konferenzen auftraten.
Nimm an einem Treffen teil, das von einer Community organisiert wird, die dir gefällt. Es gibt unzählige solcher Gruppen. Und denk daran: Sei neugierig.
Über Isaline Muelhauser
Isaline Muelhauser arbeitet bei Pilea als SEO-Beraterin und Trainerin mit den Schwerpunkten Conversion-Optimierung und LLMO. Mit ihrem Hintergrund in Linguistik und Kommunikation beweist sie seit Jahren, dass die Tech-Branche mehr ist als nur Programmieren. Sie verbindet Daten mit menschlicher Sprache, um zugängliche und wirkungsvolle Inhalte zu erstellen. Als Mitbegründerin von SEONerd Switzerland organisiert sie Veranstaltungen zum Thema SEO und unterstützt Referentinnen durch Coaching.

Das Interview wurde von Corina Schedler geführt und im Rahmen der Initiative zur Gleichstellung in der Informatikausbildung erstellt, die vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) unterstützt wird. Wenn du mehr über 42 Zürich erfahren oder Mentorin werden möchten, nehme bitte Kontakt mit uns auf.
